Leserbrief an die MAZ

Sehr geehrter Herr Fischer,

ich denke, dass Sie in Ihrem Artikel das politische Klima in Schönwalde-Glien trotz aller kritischen Untertöne beschönigen. Ich will Ihnen das nicht zum Vorwurf machen, denn vermutlich wohnen Sie nicht in unserer Gemeinde – oder aber Sie wohnen zwar hier, treten aber nicht als Andersdenkender in Erscheinung und bieten somit keine Angriffsfläche für
die politisch bestimmenden Kräfte in Schönwalde-Glien …

Ich habe lange hin und her überlegt, ob ich mich nun äußern soll oder unter Rücksicht auf meine Familie davon Abstand nehme. Aber, habe ich mich am Ende gefragt, wenn ich diese Zeilen nicht schreibe, wer wird es dann tun? Ich denke, dass das Schweigen gebrochen werden muss – und zwar von noch mehr und anderen als mir, der ich ohnehin als Querulant
und – O-Ton Lothar Lüdtke – „Grüner Frosch“ bekannt bin, damit in unserer Gemeinde das politische Klima endlich besser wird und Menschen ihr Grundrecht auf freie Meinungsäußerung ohne Angst vor Vergeltung, Drangsal oder Herabwürdigung für sich und ihre Familien wahrnehmen können.

Zum Thema:

Während des Wahlkampfes in Schönwalde-Glien haben sich die beiden Hauptkontrahenten fürwahr nichts geschenkt und das eine um das andere Mal heftige Attacken gegeneinander geritten. Dem nun wieder gewählten Bürgermeister – dafür auch hier noch einmal die besten Glückwünsche – standen die Strapazen des Wahlkampfs ins Gesicht geschrieben. Doch auch
in anderer Weise schien ihn der Wahlkampf verändert zu haben, er erschien mir nachdenklicher, demütiger, gesprächsbereiter als man ihn landläufig kannte. Noch am Wahlsonntag meinte er vor der Kirche zu mir, dass wir mal in Ruhe über die Themen „Abholzung im Gutspark“ und „Regionalpark Krämer Forst“ miteinander reden sollten, „auf Augenhöhe“, wie er sagte. Insbesondere über diese Formulierung war ich erstaunt.

Dieses Erstaunen und meine Hoffnung, dass Bodo Oehme aus diesem harten und oft schmutzigen Wahlkampf geläutert und mit größerer Offenheit gegenüber anderen Meinungen und Ideen hervorgeht, sah ich bitter enttäuscht, als ich am Montag die MAZ aufschlug und den Bericht von der Siegesfeier im kreativ las. Ich – als einer von 4.634 Schönwalder Wahlberechtigten, die Bodo Oehme an diesem Sonntag Ihre Stimme nicht gegeben haben – hatte angenommen, dass sich der von den 2.744 anderen Wahlberechtigten Wieder gewählte als ein guter und fairer Sieger zeigen wird. Ich hatte erwartet, dass er seinen Kontrahenten die
Hand zur Versöhnung ausstreckt. Ich hatte erhofft, dass er um unseres Gemeinwesens Willen – und des Zusammenlebens der Menschen hier – die Tiefen des Wahlkampfes hinter sich lassen wird und nach vorne schaut.

Leider nichts dergleichen. Statt einer ausgestreckten Hand kamen weitere verbale Schläge, weitere Konfrontation, weiteres Polarisieren. Wie klein muss ein Ego sein, um in der Stunde des Triumphs keine Größe und keine Milde gegenüber dem Unterlegenen zeigen zu können?

Wie christlich ist es denn, Vergeltung zu üben, wenn im Interesse der Menschen in unserer Gemeinde – und um Gottes Willen – Vergebung gefragt ist? Denn wie sonst sind die mit dem Aufkleber „verzockt“ verunstalteten Wahlplakate des politischen Gegners zu werten? Sie legen beredtes Zeugnis von der feindseligen Stimmung nach dem Ende des Wahlkampfs ab. Sie sind mehr als nur eine Geschmacklosigkeit, da sie sich direkt gegen Menschen richten – eine beängstigende Reminiszenz an eine Zeit, als es in unserem Lande üblich war, Menschen mit „Aufklebern“ zu versehen.

Was ist das für ein Gemeinwesen, in dem Großeltern ihren Enkeln mit auf den Weg zur Schule geben: „Aber sag keinem, wen wir gewählt haben“, und gestandene Männer unter Rücksicht auf mögliche Konsequenzen den Disput mit dem für seine verbalen Ausfälle bekannten Fraktionsvorsitzenden der herrschenden politischen Gruppierung scheuen?
Sind wir im Herbst 89 auf die Straße gegangen, um nach zwei Jahrzehnten zu diesem Klima der Einschüchterung Andersdenkender und des erzwungenen Schweigens zurückzukehren? Soll dieses Klima des Dünkels und der Intoleranz dazu führen, dass Schönwalde-Glien bald nur noch ein Paradies für Angepasste und Gleichgültige ist? Wo Intoleranz und die Verachtung Andersdenkender überall hinführen können, haben wir in der Geschichte viel zu oft erlebt. Dazu muss man auch gar nicht so weit in die Vergangenheit zurück schauen.

Hier und jetzt ist der Bürgermeister Bodo Oehme – und die dominierende politische Gruppierung, der er vorsteht – gefragt, sich als fairer Sieger zu zeigen und die Gräben in unserer Gemeinde nicht noch weiter zu vertiefen – zwischen den Ortsteilen und innerhalb der Orte. Einschüchterung politischer Gegner und die Herabwürdigung Andersdenkender sind eine unglaubliche Schande für jedes demokratische Gemeinwesen und jeden Menschen, der sich bemüht, ein guter Christ zu sein. Dafür kann und darf hier kein Platz sein!!!

Der Bürgermeister möge sich über die 2.744 Stimmen freuen, dank derer er weitere acht Jahre sein Amt bekleiden darf. Und er möge sich zugleich mit Wohlwollen und ehrlichem Interesse der 4.634 Seelen annehmen, die ihre guten Gründe hatten, ihm ihre Stimme zu versagen. Die Beschäftigung mit deren Motiven könnten unsere Gemeinde sicher in vielen Dingen besser und weiter voran bringen, als jede Lobhudelei und Anbiederung.

Was wir jetzt brauchen, das ist ein Bürgermeister mit der einenden Besonnenheit eines Jens Stoltenberg – und nicht mit dem spalterischen Eifer eines George W. Bush! Ich bin mir sicher, dass Bodo Oehme das „drauf hat“, wenn er nur will. Die Macht dazu hat er.

In diesem Sinne wünsche ich auch Ihnen, Herr Fischer, dass es bald andere, bessere Nachrichten aus Schönwalde-Glien geben wird. Denn manchmal möchte man an dem Ganzen beinahe verzweifeln … (Oder was denken Sie, warum ich 2006 nach 8 Jahren aus der Gemeindevertretung ausgestiegen bin ;-( …)

Mit besten Grüßen aus Schönwalde-Dorf
Christian Gering

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6 Antworten zu “Leserbrief an die MAZ

  1. Das sind in der Tat starke Worte, die mich tief berührt haben. Tief berührt deshalb, weil ich das Schicksal von Christian Gering irgendwie teile. Ich meine damit, dass auch ich mal geglaubt habe, mit Bodo Oehme könnte man zusammenarbeiten, auch ich war mal im Gemeindekirchenrat und bin dann wegen Bodo Oehme vorzeitig ausgeschieden. Wenn ein Mensch alles aber wirklich alles nur für seinen Machterhalt tut, dann kann Zusammenarbeit nicht funktionieren, und zwar weder im Gemeindekirchenrat noch in der Gemeindevertretung. Aber eins scheint auf diese Art und Weise zu funktionieren, Bodo Oehme bleibt an der Macht, auch dann wenn viele andere auf der Strecke bleiben.

  2. Hallo Christian
    KLASSE ! findet zu 1000% unseren Beifall. Danke für deine Mühe!!!
    Ich als ehemaliger CDU Wähler könnte zu diesen Themen noch einiges dazu steuern. Ich lass es aber gern sein! Ich möchte auch das man sich in Zukunft „einfach“ nur anständig unterhält ! Das ist KEIN „Schwächeanfall“, ganz im Gegenteil….(nur zur Information in die Polo Ecke)

    Zum Thema einseitige Berichterstattung kann ich erklären, dass wir derzeit nur noch mit Berliner Presseagenturen sprechen. Unsere Themen werden angehört werden! Wetten ? Es ist nur eine Frage von Zeit und Geduld. Vor allem aber mit transparenten Fakten werden wir Gehör finden, die nicht zensiert werden. Wir sehen uns am Mittwoch lieber Chris. Beste Grüße Frank +

    • Danke, Frank und Uwe!
      Apropos „ehemaliger CDU-Wähler“:
      Als Partei habe ich zwar (fast) immer Bündnis 90/Die Grünen gewählt (einzige Ausnahme war das BürgerBündnis bei einer Landtagswahl Mitte der 90er). Das sollte niemanden verwundern, denn dort komme ich einfach her: Mein erster Wahlkampf, den ich aktiv erlebte, war im März 1990 – damals habe ich für das Neue Forum, Demokratie Jetzt und die Initiative für Frieden und Menschenrechte (zusammen: Bündnis 90 – daher ja auch der Name 🙂 …) Plakate geklebt und Aufkleber verteilt.
      Aber, jetzt kommt’s: Ich habe auch schon einmal für Bodo Oehme gestimmt, das war wohl bei den Bürgermeisterwahlen 1998. Einerseits weil die Kandidaten von SPD und PDS keine Alternative boten, andererseits, weil mir damals schien, dass man mit Bodo gut zusammenarbeiten kann. Und in so manchen Themen haben wir auch gut und mit vorzeigbaren Ergebnissen zusammengearbeitet.
      Andererseits gab es immer mal wieder Situationen – in Gemeindevertretung, Gemeindekirchenrat und im Förderverein für den Regionalpark – die mich regelrecht schockiert haben, die in mir den Zweifel haben entstehen und wachsen lassen, ob eine Zusammenarbeit im Sinne einer ehrlichen, gleichberechtigten Kooperation wirklich möglich ist. Aus den Zweifeln wurde mit fortschreitender Zeit Frustration – denn insbesondere in der Gemeindevertretung wurde klar, dass Sachargumente nur dann zählen, wenn sie opportun sind. Angesichts der weiteren Entwicklung des politischen Klimas in unserer Gemeinde und der Region sind letztlich die einstige Sympathie und die Zuversicht, gemeinsam etwas Gutes für Schönwalde zu erreichen, einer tiefen, schmerzhaften Enttäuschung gewichen.
      Aus meiner Schilderung wird deutlich, wie sehr die Karre Stück für Stück tiefer in den Dreck geraten ist. Es sollte aber auch erkennbar werden, dass dies keine Einbahnstraße ist und bei einem entsprechenden Wandel eine ganz andere Entwicklung hier möglich ist.
      Und nochmal zur Erinnerung:
      Ich bin nur einer von Dutzenden, Hunderten oder gar Tausenden hier in Schönwalde-Glien, die ihre schockierenden, frustrierenden oder enttäuschenden Erlebnisse mit dem hiesigen „System“ und seinen führenden Vertretern gehabt haben – und nur deshalb nicht gut auf diese zu sprechen sind – und nicht etwa, weil dies gottgewollt oder ein Naturgesetz ist.
      Wir haben es also in der Hand.
      Und Bodo, Du kannst hier ruhig auch mal etwas schreiben.
      Das wäre eine Bereicherung.
      Liebe Grüße allen,
      Christian
      PS:
      Hier nochmal ein Link, den ich an anderer Stelle schon zitiert habe. Ich finde, dass das Lied von Reinhard Mey eine tolle Inspiration ist – auch und gerade für uns hier in Schönwalde-Glien.
      Lest Euch auch mal die „Lyrics“ dazu durch:

      • Hast du wirklich super geschrieben. Ich kann mich dem nur anschliessen. Das Video ist auch echt toll. Viele Grüße.

  3. Es ist bedauerlich, das unsere Presse sich nicht in der Lage sieht, qualitativ hochwertige Leserbriefe zu veröffentlichen. Die Herren bevorzugen eine recht einseitige Berichterstattung.

    Uwe Abel

    • Uwe, die heutige MAZ zeigt, dass sie doch besser ist als ihr Ruf 😉
      Sowohl der Leserbrief von Werner Zock als auch meiner finden sich dort. Und meiner ist sogar so fachmännisch gekürzt worden, dass weder wesentliche Aussagen noch die entscheidenden Formulierungen verloren gegangen sind. Chapeau, Herr Fischer/Der Havelländer!
      Was aber immer noch fehlt – zumindest meines Wissens – ist eine Reaktion des politischen Schönwalde-Glien. Oder gibt es Neuigkeiten aus der gestrigen Sitzung der Gemeindevertretung?

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